Otto Hainzl / Babet Mader / Klaus Theweleit: Defense de CracherOtto Hainzl

Babet Mader

Defense de Cracher
Was es bedeutet erwachsen zu sein

Photographic Novel

Mit einem Essay von
Klaus Theweleit

90 Seiten. 20 Euro (D), 20,50 Euro (A)
ISBN: 978-3-944122-12-0


Was müssen wir tun um erwachsen zu sein? Was geben wir dafür auf? Was bereitet uns Schwierigkeiten dabei? Warum wollen wir überhaupt erwachsen werden? Wenn wir doch die, die es nicht sind, viel mehr lieben?
Gibt es das überhaupt: erwachsen sein? Geht es nicht vielmehr um ein nie zu Ende kommendes Wachsen, um ein Werden? Sehnen wir uns nach einem endgültigen Ruhezustand oder einfach danach in den Kreis jener aufgenommen zu werden, die ernst genommen werden und die vollen Rechte genießen? Ist das der Grund, warum wir bereit sind, einen hohen Preis zu zahlen und Kindheit und Jugend hinter uns zu lassen?

Die Bilder von Otto Hainzl, aufgenommen in Südfrankreich (Defense de Cracher = Ausspucken verboten), beleuchten in Porträts, Ausschnitten aus Privat- und Arbeitsräumen die Hoffnungen und Ängste des Erwachsenenalters und konfrontieren uns im Zusammenspiel mit dem Text von Babet Mader auf ruhige und doch eindringliche, poetische Weise mit der für jedes Lebensalter sich neu stellenden Frage, was »erwachsen sein« bedeutet.

Photographic Novel: ist eine neue Kombination von Bild- und Textsprache: In dieser neuen Form umkreisen und durchkreuzen Fotos und Text erzählerisch das gleiche Thema, sie stehen weder gleichgültig nebeneinander noch kommentieren sie sich direkt, sondern erschaffen durch sorgfältig abgestimmte Variationen einen breiten und dichten Resonanzraum, in dem das Denken der Leser angeregt, erweitert und geschärft werden soll.

90 Seiten, 20 Euro (D), 20,50 Euro (A).
ISBN: 978-3-944122-12-0

 

Leseprobe:

Otto Hainzl / Babet Mader / Klaus Theweleit: Defense de Cracher

Wenn ich in meinem Auto durch die Gegend kurve, erschrecke ich mich manchmal, dass ich das Auto fahre. Als Kind wollte ich immer selber fahren, habe um den Autoschlüssel gebettelt, wollte unbedingt, aufschließen, einsteigen und so tun als ob ich lenke und bremse und schalte.
Jetzt sitze ich in meinem eigenen Auto. Das ist erschreckend. Noch erschreckender ist das kleine Mädchen neben mir im Beifahrersitz, das Fetzen von Kinderliedern in den Fahrtwind brüllt. Das ist meine Tochter. Ich habe sie geboren.
Ich habe geschrien und gekämpft und gepresst. Ich kann mich noch daran erinnern, wie die Hebamme gelacht hat, als ich brüllte: »Mein Po zerreißt in zwei Stücke! Er zerreißt! Mach doch was!«
An dem Tag bin ich Mutter geworden und das ist nun auch schon wieder Jahre her und manchmal immer noch so erschreckend, dass ich weinen muss.

Oft schleiche ich nachts in ihr Zimmer und schaue ihr beim Schlafen zu.
Wenn ich sie da so liegen sehe, völlig verknotet mit ihrem Kuscheltier und der Decke, der Schlafanzug über den Bauch verrutscht und friedlich vor sich hinschmatzend im Tiefschlaf, hoffe ich, ich sterbe als erstes von uns beiden, und dann bekomme ich Angst, weil ich selbst noch lange nicht bereit bin zu sterben und wohl auch niemals bereit sein werde.
Meine Tochter sagt dazu nur, dass, wenn die Oma stirbt, sie wohl als nächstes ein Pferd sein wird, und dass, wenn ich sterbe, ich wohl ein Marienkäfer bin, und wir sie dann beide jederzeit besuchen kommen können. Das hat mich zum Weinen gebracht, und das ist wohl erwachsen sein.
Wenn ich ans Sterben denke, dann bin ich lediglich tot, weg und ausgelöscht, doch für meine Tochter werde ich ein Marienkäfer.