»Ich möchte die Bilder im Kopf der Leser steuern« – Interview mit Ingvild H. Rishøi

Ingvild H. Rishøi über ihre Liebe zu Kindern, zum Winter, über Schreibtechniken und Worst-Case-Szenarien – und ihr Sorgenkind, den Klimawandel.

 

»Ich möchte die Bilder im Kopf der Leser steuern« – Interview mit Ingvild H. Rishøi

 

Was hat dich zum Schreiben der »Winternovellen« inspiriert?

Verschiedene Situationen für die jeweiligen Novellen. Die Idee für die erste Novelle hatte ich, als ich in einem Shoppingcenter in Oslo eine Hose anprobierte. Ich hörte eine Mutter und ihre Tochter in der Ankleidekabine neben mir, und sie waren total gestresst, weil sich das Mädchen in die Hose gemacht hatte, sodass sie neue Sachen kaufen mussten. Dann schrieb ich den ersten Satz der Geschichte: »Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose.«

Für die Novelle »Der richtige Thomas« kam mir der Einfall, als ich ein Kissen in einem Bettenhaus kaufte. Eine Kissen-Dame tauchte auf, in ihrer Kissen-Damen-Montur, sie kam, um mir zu helfen, und fragte alles Mögliche, was für eine Art Kissen ich wolle, hoch, niedrig oder mittel und viele andere Dinge, über die ich noch nie nachgedacht hatte, und diese Fragen brachten mich nach einer Weile ganz schön ins Schwitzen. Als ich das Geschäft verließ, malte ich mir Worst-Case Szenarien aus, das mache ich oft. Ich dachte: »Was, wenn ich da gerade ein frisch geschiedener Mann gewesen wäre? Was, wenn ich gerade aus dem Gefängnis entlassen worden wäre und das Kissen für meinen Sohn gekauft hätte; wenn mein Sohn mich an diesem Abend das erste Mal besuchen würde? Und außerdem: Was, wenn ich ein Alkoholproblem hätte, und da wäre ein Pub nebenan?« In Wirklichkeit gab es keinen, da war nur die trostlose Schnellstraße, und ich stand da und schrieb diese Idee auf, während ich auf den Bus wartete, der mich mit meinem Kissen nach Hause bringen sollte.

Die dritte Novelle entstand nach einem Ausflug in ein Lebensmittelgeschäft. Auf dem Parkplatz sah ich drei Kinder, die ihre Schultaschen auf den Boden ausleerten. Und schon ging wieder mein Worst-Case-Denken los: Was bringt ein Kind dazu, so etwas zu tun? Laufen sie weg? Vor dem Jugendamt? Soll ich die Polizei rufen? So zu denken ist für den eigenen Seelenfrieden selbstverständlich nicht gut. Ich kriege davon Falten zwischen meinen Augenbrauen. Aber es ist gut für’s Erzählen, weil ich für meine Figuren alle möglichen Probleme erfinden kann.

Was war das Schwierigste bei der Arbeit an den Novellen?

Oh, das Schwierigste für mich war, was ich als die zweite Phase des Schreibens empfinde. Die erste Phase, in der ich, wie ich es nenne, das Rohmaterial für die Geschichte schreibe, ist recht einfach. Ich schreibe ganz spontan, ich bin wie ein spielendes Kind, überlege mir in meinem Kopf alle Arten von »Was wäre, wenn«. Das Rohmaterial für eine Novelle kann ich in etwa einem Monat schreiben, und ich habe dabei richtig Spaß. Genauso mag ich die dritte Phase, wenn die Geschichten fast fertig sind, und ich hier ein Wort streiche, dort eine Leerzeile einfüge, und sehe, wie die Geschichte besser wird. Aber dazwischen liegt die schwierige, die zweite Phase. Bei der ich mir das vorliegende Rohmaterial genau anschaue, und denke, es ist schlecht, echt schlecht, das hat keine Handlung, ist nicht dicht genug, das ist aussichtslos. Leider ist das die längste Phase. Ich habe drei Jahre gebraucht, um diese drei Novellen fertigzustellen.

Was gefällt dir an der Form der Novelle? Siehst du Vorteile, Nachteile oder Schwierigkeiten?

Wenn ich anfange zu schreiben, nehme ich mir nicht vor, dass es eine Kurzgeschichte wird. Ich habe den Eindruck, das Rohmaterial wird besser, wenn ich überhaupt keinen Plan habe. Davon, ob es eine traurige oder fröhliche Geschichte werden soll, auch nicht über die Länge oder Form. Ich glaube, es ist wie beim Sport. Man kann von einem Sprinter nicht erwarten, dass er einen Marathon läuft, das ist etwas anderes, dafür braucht man ein anderes Talent. Ich habe nicht das Talent für Romane oder Gedichte.

Die Geschichten spielen im Winter. Auf der einen Seite passt das zu den schwierigen Situationen, in denen sich die Protagonisten befinden. Auf der anderen Seite stellt es einen Kontrast dar zu der Wärme zwischen den Charakteren und ihrem vorsichtigen Optimismus. Welche Bedeutung hat der Winter für dich?

Ich schreibe über den Winter, weil ich den Winter liebe, die Friedlichkeit, das Skifahren und den Schnee, ich liebe es, wenn ich aus der Kälte ins Haus komme. In den letzten paar Jahren ist meine Angst, dass wir wegen des Klimawandels keinen Winter mehr haben, größer und größer geworden. Das ist keineswegs der schlimmste Aspekt des Klimawandels. Aber es macht mich traurig, wenn ich an eine Welt ohne Winter denke.

Besonders Thomas hat einige Probleme damit, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, mit anderen zu agieren. Was denkst du über das heutige »System«, über unsere Kommunikation miteinander? Was sollten wir ändern?

Das wurde ich schon mal in Interviews gefragt, und ich habe versucht, mir ein paar kluge Antworten zurechtzulegen. Aber die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Der politische Aspekt der Novellen war nicht beabsichtigt, und ich war überrascht, als sie in Norwegen veröffentlicht wurden, und die meisten Kritiker ein politisches Buch darin sahen. Man bat mich bei Veranstaltungen für radikale Gruppen aufzutreten, ich wurde sogar eingeladen, auf dem Kongress der Kommunistischen Partei Norwegens zu lesen. Ich kann aber nicht viel über Politik sagen, ohne naiv zu klingen. Politisch habe ich keinen Überblick, ich lese und schreibe Bücher, damit kenne ich mich aus. Ich bin allerdings Mitglied der MPG, das ist die Grüne Partei Norwegens, weil ich den Klimawandel für ein großes Problem halte. Ich habe Angst davor, wie die Welt in fünfzig Jahren aussehen wird, und die norwegische Regierung mit ihrer Liebe zu unserer Ölindustrie beschämt und verwundert mich. Ich hätte gerne eine tolle Geschichte darüber geschrieben, damit jeder Mitglied bei den Grünen wird, aber mit meiner Art zu schreiben, die nicht planmäßig vorgeht, ist das unmöglich. Um es nun deutlich zu sagen: Kommt schon, engagiert euch für die Grünen Parteien in euren Ländern!

In den Novellen wird viel an Bedeutung durch die Dialoge transportiert. Der Leser muss sorgfältig und aufmerksam zuhören, muss Empathie für die verschiedenen Figuren und Standpunkte entwickeln. Wie können Menschen beim Lesen zu dieser Sensibilität ermutigt werden?

Wie gesagt, ich schreibe nicht, um irgendetwas zu verändern, weder die Welt oder die Leser, noch um die Sensibilität von irgendjemandem zu fördern. Ich möchte ganz einfach die besten Geschichten schreiben, die ich schreiben kann. Aber ich mache gerne Dialoge, und ich höre Menschen gerne beim Sprechen zu, auf Schulhöfen, in der U-Bahn, unter der Dusche im Fitnessstudio. Menschen verraten so viel über sich, nicht nur mit dem, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Ich bin ein Duschspion, die Ohren dauernd gespitzt, das Notizbuch draußen im Schließfach.

Wolltest du für deine Novellen ein Ende, das einen Hoffnungsschimmer zulässt?

Ja, stimmt. Ich habe zwei weitere Sammlungen kurzer Erzählungen geschrieben, die erste war wirklich traurig und die nächste sogar noch trauriger, das hat mir ein paar Beschwerden eingebracht. Besonders von meiner Mutter, die zudem fand, dass zu viele böse Mütter in meinen Büchern vorkämen. Als ich die »Winternovellen« beendete, dachte ich: »In Ordnung, wenn den Lesern das Ende so wichtig ist – an mir soll es nicht liegen.« Und meiner Mutter gefällt es so viel besser.

Die Novellen und Charaktere bestehen aus mehreren Schichten, die nach und nach entdeckt werden können, und es liegt bei den Lesern, wie viel sie bemerken. Könntest du ein wenig über diese Technik erzählen, wie du vorgegangen bist, als du die Novellen geschrieben hast?

Ja, das ist die schwierigste Schreibphase, die Phase, in der ich entscheide, was wann gesagt werden soll. Normalerweise mache ich das, indem ich einen Ausdruck des Rohmaterials der Geschichte nehme, die Blätter über den ganzen Boden verteile und sie dann mit einer Schere zerschneide. Danach sortiere ich alle Teile, packe die im Präteritum stehenden auf einen, die im Präsens auf einen anderen Stapel, und den Höhepunkt auf noch einen, und so weiter. Dann krieche ich rum und ordne die Teile, ordne sie nochmal neu, schaue was passiert, wenn ich diesen Teil des Hintergrunds hierhin lege oder dorthin oder dorthin oder dorthin, oder hinter meinem Stuhl ablege. Wenn ich eine Ahnung habe, wie die Geschichte gebaut werden sollte, klebe ich sie in einem großen Notizbuch zusammen, bevor ich sie auf meinem Computer in der neuen Reihenfolge noch einmal schreibe. Dieses Rumschnipseln auf dem Boden ist nicht besonders praktisch, da ich meinen Arbeitsplatz mit zwei Leuten teile, die wie angenagelt sind, weil die Blätter sonst aufgewirbelt werden und alles ruiniert ist.

Geschichten in der Ich-Perspektive schreibe ich im Präsens, mit vielen Hintergrundinformationen, und das Schwierigste daran ist, vergangene Ereignisse in einer Geschichte, die in der Gegenwart spielt, so zu platzieren, dass die Glaubwürdigkeit des Erzählers nicht zerstört wird. Ich möchte, dass es echt wirkt, und in Wirklichkeit denken wir nicht chronologisch, und wenn die Vergangenheit zu sehr in dem fertigen Werk herumtrampelt, verliere ich den Leser. Das ist also richtig geistige Arbeit für mich, wie Sudoku. Ich bin ziemlich schlecht in Sudoku.

Der Leser bekommt bei den »Winternovellen« das Gefühl, dass es einige literarische Anspielungen gibt. Bist du von anderen Autoren oder anderen Werken in deinem literarischen Prozess beeinflusst worden?

Nicht, dass ich wüsste! Bitte, sagt mir wo?
(Das müssen die Leser selbst herausfinden!)

Wen bewunderst du für ihre oder seine literarische Arbeit? Und warum?

Unter anderem Toni Morrison, Knut Hamsun, Kerstin Ekman und den Krimiautor Michael Connelly. Ich bewundere sie für die Komplexität ihrer Geschichten, und weil ich nicht herausfinden kann, was sie tun. Ich begreife nicht, wie ihre Kunst handwerklich funktioniert, und das hasse ich, weil es bedeutet, dass ich es nicht kopieren kann.

Du hast Bücher für Kinder geschrieben und über sie. Was fasziniert dich an Kindern? Glaubst du, dass du ein besonderes Gespür für Kinder und ihre Art hast?

Ich finde es einfach mit Kindern zu sprechen, oft einfacher als mit ihren Eltern. Kinder interessieren mich. Ich verstehe ihre Art zu denken und zu fühlen, ich fühle mich den Kindern meiner Umgebung nahe. Und das verstärkt meine Sorge um das Klima. Welche Erfahrungen werden diese Kinder machen? Und was werden sie von uns denken?

Was ist anders, wenn du für Kinder schreibst? Denkst du während des Schreibens überhaupt an mögliche Leser?

Ja, ich denke viel über die Leser nach, weil ich ihre Gedanken beim Lesen meines Textes lenken möchte. Ich möchte, in jeder Phase der Geschichte, die Bilder in ihrem Kopf steuern und das, was sie fühlen.
Der größte Unterschied beim Schreiben für Kinder ist, dass ich dann einen Kollegen habe: den Illustrator. Mit ihm macht das Arbeiten noch mehr Spaß.

Magst du eine der drei Novellen am liebsten? Wenn ja, warum?

Ich mag die erste am liebsten. Sie ist kurz und einfach, und sie weckt Gefühle. Das ist, was ich will: Einfachheit. Und in dieser Geschichte komme ich diesem Ziel am nächsten.

Was macht für dich ein »gutes Buch« aus?

Früher habe ich versucht, Bücher zu lesen, die gemeinhin als »gut« angesehen werden, aber das mache ich nicht mehr. Ich lese ein Buch, wenn es emotional etwas in mir auslöst, wenn es mich davon trägt. Für mich ist ein »gutes Buch« also ein Buch, bei dem ich immer weiterlesen muss. Ich lese viele Krimis, die oft mitreißend sind. Von Krimiautoren schaue ich mir etwas ab über den Handlungsablauf und bei Lyrikern lerne ich, was Einfachheit ist. Ich sehe Lesen als Teil meines Berufes an, aber ich muss zugeben, dass es der beste Teil ist, und dass ich die meiste Zeit überhaupt nicht ans Lernen denke. Ich sitze einfach in meiner Leseecke und mach mir ein paar schöne Stunden.

Hast du schon Pläne für ein neues Projekt?

Ja, ich habe mit einer Geschichte begonnen. Ich lese gerade durch das Rohmaterial, was in mir den Wunsch weckt, Gärtner zu sein. Oder Hausmeister, was auch immer, alles, nur kein Schriftsteller. Tatsächlich habe ich gerade im Internet geschaut, ob es in Oslo im Moment irgendwelche Gärtnerjobs gibt, war aber nicht. Da fällt mir gerade ein: Vielleicht liegt es daran, dass es schneit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.