»Eine Berlin-Biographie ist es vielleicht« – Interview mit Nicola Nürnberger

Nicola Nürnberger über ihre Romane Berlin wird Festland und Westschrippewarum immer noch Ost/West-Stereotypien bestehen, über das Gute von Ortswechseln, ihr momentanes Lieblingsbuch und wo sie am liebsten schreibt.
Die Fragen stellte für uns Franziska Mayer.

 

»Eine Berlin-Biographie ist es vielleicht«
Interview mit Nicola Nürnberger

(Juni 2015)

 

Sie sind 1991 nach Berlin gezogen. Was hat Sie an der Großstadt gereizt?

Ich bin in einem kleinen hessischen Dorf aufgewachsen und als ich 1991 das erste Mal nach Berlin fuhr, war es, um mir hier zum Sommersemester ein WG-Zimmer zu suchen. Berlin war für mich der Inbegriff der individuellen Freiheit und des Abenteuers – all dessen, was es damals in einem Dorf nicht gab. Der Reiz lag für mich darin, das große, zügellose und verruchte Ungeheuer Berlin zu erobern.

Kann man den Roman Berlin wird Festland auch als eine verdeckte Biografie begreifen?

Es gehört zur Herausforderung des Erzählens, die Leser glauben zu lassen, dass alles genau so abgelaufen ist und man es nur aufschreiben muss. Ich hätte den Roman in der Art und Detailtreue nicht schreiben können, wenn ich Berlin nicht 1991 kennen gelernt hätte. Einzelne Orte darin sind frei erfunden, sie werden aber völlig glaubwürdig mitbespielt, einen Mann wie Monty habe ich nie kennen gelernt, und auch die weitere Handlung ist frei erfunden. Ich bediene mich natürlich einzelner Versatzstücke aus dem, was ich erlebt und gesehen habe, aber das ist noch keine Biografie. Mir geht es vielmehr darum, anhand der Geschichte und Erlebnisse der Protagonistin ein Bild der Stadt in dieser Umbruchsituation zu beschreiben. Das hat also nur sehr wenig mit mir persönlich zu tun, außer, dass ich das Glück hatte, in dieser Zeit Berlin entdecken zu können. Eine Berlin-Biographie ist es vielleicht.

Schon Ihr erster Roman Westschrippe spielte in der Zeit um die Wende. Wird sich auch Ihr nächstes Projekt mit dieser Zeitspanne beschäftigen?

Das ist nicht ganz richtig. Westschrippe erzählt eine Kindheit und Jugend in der BRD der siebziger und achtziger Jahre und endete mit dem Mauerfall. Genau da beginnt Berlin wird Festland und beschreibt die ersten Begegnungen zwischen Ost und West; die erste Euphorie nach dem Mauerfall war 1991 schon etwas verpufft. Beide Romane drehen sich um Teilung und Wiedervereinigung, das ist richtig, aber beschreiben unterschiedliche Zeiträume. Trotzdem bleibt die Frage offen, wie es danach weitergegangen ist und das wird Thema eines weiteren Romans von mir sein.

Auch 25 Jahre nach der Wende sind Ost/West-Stereotypen noch immer aktuell. Woran, denken Sie, liegt es, dass wir uns innerlich immer noch als zwei geteilte Länder sehen?

Der Großteil der Bevölkerung – alle, die über 25 sind – ist in unterschiedlichen politischen Systemen aufgewachsen, und die Jüngeren wurden und werden von denen erzogen, die nicht wussten, was sich im anderen Teil Deutschlands wirklich abgespielt hat. Die Unwissenheit hüben wie drüben über einfache Dinge der Alltagskultur beispielsweise ist verblüffend. Deshalb erzähle ich darüber, um diese Lücke zu schließen.

Mittlerweile leben Sie mit ihrer Familie in Kleinmachnow, einem kleinen Ort am Rand von Berlin. Wieso scheint Ihnen der Großstadttrubel, den viele Künstler doch als den perfekten Nährboden für ihr Schaffen betrachten, nicht zu gefallen?

Ich glaube nicht, dass man einem Umzug immer die Ablehnung des Vorherigen unterstellen kann. Ich bin aus einem hessischen Dorf auch nur nach Erlangen gezogen, weil ich dort an der Uni den NC geschafft habe. So sehe ich in Umzügen den Aufbruch zu Neuem, nicht unbedingt den vorsätzlichen Bruch mit dem Alten.
Kleinmachnow ist ein Ort mit ganz besonderer Geschichte. Er gehört schon zu Brandenburg, bildet aber eine Schnittstelle zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Umland, Gestern und Heute. Der Ort hat in den Jahren nach der Wende eine radikale Umwälzung erfahren, die bis heute anhält. Viele Wunden der Teilung sind noch sichtbar. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das Leben an dieser Schnittstelle immer noch ungeheuer inspirierend.

Kleinmachnow hatte früher eine blühende Kulturlandschaft und beherbergte Künstler wie Kurt Weill, Fred und Maxie Wander oder das Ehepaar Wolf. War das ein Grund, gerade dahin zu ziehen, und wollen Sie diesen Austausch unter Schriftstellern, aber auch mit anderen Künstlern wiederbeleben, der ja immer wieder stattgefunden hat, wie man in Maxie Wanders Tagebüchern lesen kann?

Der Austausch unter Künstlern ist immer wichtig. Ich bin auch in Berlin viel in Autorenkreisen und Lesebühnen unterwegs. Und, in der Tat, ich versuche gerade, so etwas in Kleinmachnow mit aufzubauen.

Vermissen Sie etwas aus Ihrer hessischen Heimat?

Dadurch, dass ich erst mit vier Jahren aus Frankfurt in das Dorf gezogen bin, fehlte mir immer die tiefe Verwurzelung und ich bin recht leichtfüßig zum Grundstudium nach Erlangen gezogen. Die Erinnerung an meine hessische Heimat habe ich mit Westschrippe in ein Schatzkistchen gepackt, die ich immer und immer wieder hervorholen kann. Ich fahre auch noch häufig nach Hessen und besuche Familie und alte Freunde.
Geblieben ist eine große Begeisterung für Dialekte, die für mich, die nie einen gesprochen hat, der Ausdruck des echten Dazugehörens sind. Das ging mir in Erlangen und Berlin genauso. Deswegen haben Dialekte in meinen Romanen einen hohen Stellenwert, weil sie die überlegenen Auskenner, die, die schon länger da sind, hervorheben.

Bevor Sie Autorin wurden, arbeiteten Sie im Theater. Wieso haben Sie sich dem Schreiben zugewandt? Wo liegen die Vor- und Nachteile der beiden Künste in Ihren Augen?

Die Arbeit am Theater ist zweifelsfrei geselliger, schon bei den Proben. Bei den Aufführungen hat man das direkte Feedback des Publikums. Das findet man als Autorin nur bei den Lesungen. Aber als Autorin kann ich mir die Zeit freier einteilen und habe nachmittags und abends Zeit für meine Familie, was bei einer Arbeit am Theater gar nicht geht und so empfand ich die Theaterarbeit auch wieder als vereinsamende Monokultur, weil man immer und nur mit den Theaterleuten zusammen ist.

Wann haben Sie gemerkt, dass Geschichten zu erfinden Sie mehr reizt, als Geschichten aufzuführen?

Da gibt es für mich keinen grundsätzlichen Unterschied. Bei beidem geht es ums Erzählen, wenn auch in anderer Form.

Ihr erster Roman Westschrippe hat eher episodenhaften Charakter. War Berlin wird Festland daraufhin eine Herausforderung, besonders was die Individualität der Hauptfigur Christine angeht?

Es war anders herum. Bei Berlin wird Festland beschreibe ich einen so kurzen, dichten Erlebniszeitraum Christines, da war es relativ einfach, ‚dran‘ zu bleiben. Die Herausforderung empfand ich eher bei Westschrippe, diesen großen Zeitraum von zwanzig Jahren in der Entwicklung der BRD und die Entwicklung der Protagonistin in glaubwürdiger Linie zu behalten.

Wie und wo schreiben Sie am liebsten?

An meinem Schreibtisch mit Blick in den Garten. Um mich herum herrscht absolute Ruhe. Diesen Idealzustand habe ich nur, wenn meine Kinder in der Schule sind. Sonst brauche ich nur mein altes Laptop, dann kann ich abtauchen.

Welches Buch liegt gerade aktuell auf Ihrem Tisch?

Immer noch Enzensbergers Tumult. Mir fehlen aktuell Zeit und Ruhe, mehr darin zu lesen. Und das ist auch gut so. Ich goutiere es in kleinen Abschnitten, wie edelste Pralinen. So ein wunderbares, persönliches Buch, das so viele bombastische Eindrücke aus dieser Zeit erzählt. Es begeistert mich sehr.

Die Hauptfigur in Berlin wird Festland schreibt, dass die Musik von Philipp Glass sie in fremde Welten versetzen kann. Welche Musik kann Sie völlig aus dem Alltag reißen?

Ich habe nie gerne Musik ’nebenbei‘ gehört, wie das Menschen tun, die zuhause den ganzen Tag das Radio anhaben. Beim Radfahren singe ich selbst gerne laut, eine Art wehmütige rockige Fantasyballaden, ich mag brachiale Musik, wie den Chor der Roten Armee oder den Soundtrack zu Brassed Off, genauso mag ich Hardrock, ohne da genaue Auskennerin zu sein und bei minimalistischer Musik fühle ich mich in einen Geschwindigkeitsrausch gezogen und sehe Filme ablaufen. Derzeit höre ich aber eher wenig Musik.

Auf Ihren Lesungen haben Sie viel Kontakt mit Ihrer Leserschaft. Geben Ihnen diese Erlebnisse Impulse für neue Projekte?

An Impulsen fehlt es mir eigentlich nicht. Die spüre ich ständig und überall. Mir fehlt es eher an der Zeit, noch mehr und schneller Bücher zu schreiben. Die Lesungen sind mir sehr wichtig, machen viel Spaß und ich träume von großen Lesereisen. Man bekommt auch immer wieder mit, dass es die Leser, die interessiert sind, doch gibt. Das verliert man beim Schreiben, wo man lange alleine arbeitet, doch manchmal aus den Augen. Und insofern geben die Begegnungen mit Lesern doch wichtige Impulse, richtig.

Vor kurzem gestalteten Sie auch Ihre eigene Facebook-Seite. Ist der Kontakt mit Ihren Leser durch dieses Medium privater und enger geworden, als es öffentliche Veranstaltungen erlauben?

Nein, Facebook ist für mich nur ein Teil im breiten Fächer der Kommunikationsmöglichkeiten. Und wenn ich auf einer Party oder bei einer Lesung von mir wildfremden Leuten angesprochen werde, die mir mit glühenden Wangen die Lieblingsstellen aus meinen Romanen erzählen, dann bedeutet mir das doch mehr als ein Facebook-Like.

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