»New York ist voller Träumer« – Interview mit Paula Bomer

Paula Bomer über ihre literarischen Vorbilder, warum sie Bücher nicht nur schreibt, sondern auch verlegt, und ihren Sommer in Berlin.

 

»New York ist voller Träumer« – Interview mit Paula Bomer

 

Deine Romane und Erzählungen behandeln schwierige Themen und du verwendest dafür eine sehr deutliche Sprache. Hast du nicht Angst, Leser abzuschrecken?

Ich denke, alle Autoren finden – mit ein wenig Glück – die Leser, die sie verdienen. Klar, manche Leser verschrecke ich damit. Aber wenn ich mir darum Sorgen machen würde, würde ich nicht die Welt entdecken, die ich erkunden will. Ich bin sehr dankbar für Leser, die verstehen und schätzen, was ich mit meinen Geschichten versuche. Zum Beispiel Licht auf Dinge zu werfen, vor denen die Gesellschaft Angst hat.

Du bist Herausgeberin von Sententia Books und
Sententia: A Literary Journal. Was interessiert dich daran, Bücher nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu verlegen?

Vor sechs oder sieben Jahren wurde ich auf die unabhängige Verlags-Szene aufmerksam und begann, an Online-Blogs mitzuwirken und Autoren abseits der großen Verlage zu lesen. Es war eine Welt, die mich, zum größten Teil, mit offenen Armen empfing, und ich wurde ein Teil von ihr. Meinen kleinen Verlag von zu Hause zu führen wurde zu meiner Art mich einzubringen. Es ist toll, dieser Szene ein bisschen was zurückzugeben. Es gibt so viele gute Autoren, die es schwer haben veröffentlicht zu werden, und ich bin stolz, ihnen zu helfen und eine Stimme zu geben.

Wie hat das Leben im »Big Apple« dein Schreiben beeinflusst? Sammelst du Ideen, während du durch die Straßen läufst, oder bleibst du lieber zu Hause?

Ich würde sagen: beides. Ich bin eigentlich gerne in meinen eigenen vier Wänden – ich arbeite seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr außer Haus. Aber ich lebe in New York länger als irgendwo anders – seit 25 Jahren! – und das hat großen Einfluss auf mein Schreiben. Und obwohl ich hier über die Hälfte meines Lebens verbracht habe, sehe ich mich immer noch als Mädchen aus Indiana. Das bin ich auch und es wirkt sich auf mein Leben hier aus. In New York wimmelt es vor Leuten wie mir, Träumer, Menschen, die aus dem Mittleren Westen hierher verpflanzt wurden, die denken, dass diese Stadt ihnen helfen kann, ihre Träume wahr zu machen. Es ist wirklich wie in Der Große Gatsby – und doch sehr real.

Dein Roman Neun Monate wird bald in Deutschland veröffentlicht. Wie würdest du ihn für potenzielle Leser kurz beschreiben?

Ich hoffe, er wird als ehrlicher Blick auf die Probleme moderner Mütter gelesen, aber auch als Porträt einer individuellen Frau, die sich mit den Gegebenheiten ihres Körpers, ihres Lebens in Brooklyn und ihren Berufen als Mutter und Künstlerin herumschlägt. Ich weiß, dass es Leute zum Lachen gebracht hat, und glaube daran, dass nicht nur traurige, sondern auch komische Geschichten echte Kunst sind.

Arbeitest du gerade an einem neuen Projekt, nachdem du letztes Jahr den Erzählungsband Inside Madeleine veröffentlicht hast (erscheint im Herbst 2016 bei Open House)?

Ich schreibe eine Fortsetzung zu Neun Monate, die The Change heißt, und ich schreibe mein erstes Sachbuch. Es ist Teil einer Reihe von Einführungen zu Büchern, bei Ig Publishing, mit dem Namen »Bookmarked«. Bei mir geht es um den Roman Der Mann, der seine Kinder liebte von Christina Stead. Nebenbei arbeite ich auch an anderen erzählerischen Projekten.

Welches Buch liest du gerade?

Ich habe gerade einen Stapel Bücher neben meinem Bett. The Happiness Industry von William Davies, The Portable Blake (William Blake), Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo von Cesar Aira und Glaubst du, es war Liebe? von Alice Munro, dass ich noch einmal lese. Und ungefähr fünf andere. Manchmal liegt da nur eins, dann ein ganzer Stapel. Zurzeit bin ich in einer Bücher-Stapel-Phase.

Gab es ein Buch, bei dem du dir gesagt hast: »Ich will auch Autorin sein«?

Ich war so jung, als ich mit dem Schreiben und dem Traum, Autorin zu werden, angefangen habe. Ich denke, das kam von Sylvia Plath und Flannery O’Conner. Aber es ist schwer, sich daran zu erinnern. Später, in meinen Zwanzigern, hat Mary Gaitskill diese Entscheidung besiegelt.

Wie schreibst du am liebsten? Mit der Hand oder am Computer?

Ich nutze beides. Ich muss tatsächlich immer noch mit der Hand schreiben. Ich liebe Notizbücher. Meinen Computer liebe ich nicht, aber ich finde, Computer sind eine tolle Erfindung, und nutze sie täglich.

In deinen Werken geht es um »schlechte« Mütter und Ehefrauen. Gab es schon Leser, die Fiktion und Realität verwechselt und dich eine schlechte Mutter genannt haben?

Ja. Ziemlich regelmäßig. Meine Söhne lieben mich, Gott sei Dank, und meine Freunde und mein Psychiater finden, dass ich eine tolle Mutter bin. Ganz ehrlich, das hasse ich bei den Reaktionen auf meine Arbeit am meisten.

Gibt es ein literarisches Gerne, das du gerne ausprobieren würdest oder das du gar nicht magst?

Ich bin eine schreckliche Lyrikerin. Ich bewundere Lyriker wie Meerjungfrauen. Wow. Andererseits lese ich sehr selten Gedichte. Was andere Genres angeht: Ich bewundere Autoren, die Genre-Grenzen durchbrechen, wie Margaret Atwood oder Patricia Highsmith. Ich werde aber wahrscheinlich nie Science-Fiction schreiben. Aber das Leben ist seltsam, also man weiß nie.

Gibt es einen literarischen Klassiker, den du nicht mochtest, aber alle anderen lieben?

Ich habe Faulkner als Teenager und junge Erwachsene geliebt, konnte ihn aber in meinen Dreißigern nicht noch mal lesen. Ich fand ihn unerträglich. Vielleicht hat sich das jetzt geändert, da ich auf die 50 zugehe, und ich mag ihn wieder. Es ist merkwürdig, wie sich unsere Vorlieben bei Büchern – und anderen Dingen – mit dem Alter ändern.

Hast du ein literarisches Vorbild?

Ich bewundere so viele Autoren. Das ist wirklich schwer. Meine größten literarischen Schwärmereien zurzeit sind Jonathan Franzen (den ich noch nie getroffen habe), Philipp Roth (auch noch nie getroffen) und Mary Gaitskill (mit der ich einmal kurz nach einer Lesung im Bowery Ballroom in Downtown New York gesprochen habe. Ich sagte „Danke fürs Lesen“, das war’s).

Deine Lesereise durch Deutschland und Österreich startet im Herbst. Warst du schon mal hier?

Ja! Ich habe im Sommer 1985 am Goethe-Institut in Berlin studiert. Es war der beste Sommer meines Lebens. Manches hatte damit zu tun, dass ich siebzehn war. Ich habe einen Roman geschrieben, der lose auf diesem Sommer basiert: Tante Eva. Meine Eltern haben die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Wien verbracht und meine Mutter stammt aus Leoben in Österreich. Ich freue mich total darauf, wieder nach Deutschland zu kommen.

Gibt es Städte oder Gegenden in Deutschland oder Europa, die du gerne besuchen möchtest?

Ich würde gern nach Leipzig fahren, da mein Sohn dort mit seinem High-School-Chor in einer berühmten Kirche gesungen hat und ich nie da war. Und ich kann es kaum erwarten, wieder nach Berlin zu kommen.

Wir haben gehört, dass du sehr gut Deutsch sprichst. Ist das wahr? Was ist dein Lieblingswort?

Oh nein! Stimmt nicht! Ich spreche sehr schlecht Deutsch. Tut mir leid, dass ich dich da enttäuschen muss. Aber ich werde bis Oktober noch ein wenig daran arbeiten. Mein Lieblingswort ist »Schatzi« und danach kommt »Oma«. Ich wollte erst »Schmetterling« sagen, aber das ist nicht wahr. Meine Lieblingswörter sind sehr sentimental.

 

Das Interview wurde für uns geführt und übersetzt von Franziska Mayer. Mehr von ihr zu lesen gibt es auf ihrem eigenen Blog.

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