»Madeleine« von Paula Bomer erscheint zur Buchmesse

Zur Frankfurter Buchmesse erscheint bei uns der neue Band mit Erzählungen von Paula Bomer.
Wer »Baby« und »Neun Monate« mochte, wird »Madeleine« lieben. Einen Ring von Erzählungen, bei dem einzelne Motive immer wieder aufgegriffen und variiert werden. Dieses Mal geht es nicht um junge Paare mit Kindern, sondern um heranwachsende junge Frauen. Die als junge Mädchen nicht die Macht über das eigene Leben abgeben wollen. Auch wenn dabei der Preis für Frauen in unserer Gesellschaft oft erschreckend ist:

»In der Highschool entscheidet es sich. Andere Mädchen verlieren da ihre ganze Macht – andere Mädchen kümmern sich dann nur noch um Jungs – sie werden dick und gehemmt, die Noten lassen nach. Sie hängen miteinander rum, stopfen sich mit Kuchen und Pommes den Mund voll. Sie liegen rum, sehen sich Filme an, sagen oohh, ich würde gerne Winona Ryder sein. Sie ist so dünn.
Sie werden schüchtern und reden nicht viel in der Klasse. Wenn ein Lehrer sie aufruft, kichern sie und wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie sind zu sehr mit dem Traum, ein Filmstar zu sein, beschäftigt. Mit dem Traum von einem Arsch, den sie nie haben werden.
Mit mir nicht. Ich habe die Macht nie abgegeben. In der Highschool hatte ich lauter glatte Einsen. Ich war Mitglied des Geländelaufteams. Bei jedem Spiel die Anführerin, ich war Schulsprecherin, Tutorin für Schüler mit Lernschwäche, ich machte alles und noch mehr. Und zu Hause: Ich bin gekommen und gegangen, wie ich wollte, habe mir die Klamotten gekauft, die ich wollte und das Make-up getragen, das ich wollte. Und ich habe mit jedem Jungen geschlafen, den ich wollte. Mit dem Quarterback, dem Herausgeber der Schülerzeitung und mit dem reichsten Typen der ganzen Schule. Ich zähle jeden Bissen von allem, was ich esse. Eine Zeit lang hatte ich sogar ein Notizbuch, wo ich alles festgehalten habe. Einen halben Apfel. Zwei Bissen Toast. Was soll ich sagen? Selbstbeherrschung beschreibt meine Macht nicht einmal ansatzweise.«
– Aus der Erzählung »Mädchen mit tiefen Augenhöhlen«

Gerade in einer Liebesbeziehung mit Männern, in der alle frühere Coolness und Härte unterzugehen droht:

»Sie liebte ihn. Sie liebte alles an ihm. Sie liebte sein schlichtes, glattes, braunes Haar, das er kurz trug, obwohl sie ihn bat, es wachsen zu lassen. Sie liebte sein blasses Gesicht, den dünnen Mund und die feuchten, glanzlosen Augen. Sie liebte seine dünnen Arme, die sich zwischen Ellbogen und der höckerigen Schulter nach innen wölbten. Sie liebte die hellbraunen Haare, die auf seinem Körper wuchsen, die braunen konturlosen Brustwarzen und den dunklen, tiefen Bauchnabel. Seine fast ein wenig breiten Hüften und den runden Hintern. Und die kaum behaarten Achselhöhlen, die nach ihm rochen.
Sie liebte seinen Geruch, als ob er das Wichtigste, Zuverlässigste wäre, was sie je gerochen hatte. Als ob sein Geruch sie vor dem bewahren könnte, was böse in ihr und böse in der Welt war. Mit offenem Mund roch sie ihn nachts neben sich, atmete ihn ein durch die Haut ihres Körpers, durch jede Pore in ihrem Gesicht, und sie legte das Gesicht nachts an seinen Rücken und lauschte, wie sich seine Lungen öffneten und schlossen. …
Ihre Liebe für ihn wuchs mit jedem verdammten Tag. Ihre Liebe für ihn wuchs so stark, dass sie keinen Raum für etwas anderes ließ. Ihre Liebe wuchs – und sie hatte es satt, wie sie ihr alles raubte – ihre sanften Hände, die ausdrucksstarken Augenbrauen, die Rundung ihrer Hüften, das Lächeln auf dem Gesicht.
Je mehr sie an ihn dachte, desto mehr tat es ihr weh.«
– Aus der Erzählung »Madeleine«

Über den Wunsch sich trotz sozialer Degradierung durchzusetzen:

»›Du bist weißer Abschaum‹, sagte er. ›Und es gibt praktisch niemand anderen von deiner Sorte in Lyndon.‹ … Weißer Abschaum. Sie würde nie eine Mähne haben, die sie über ihre Schulter schleudern konnte. Sie würde viele Dinge nie haben, sie würde viele Dinge nie sein – aber sie war nicht mehr dieselbe Person, die sie vor einigen Monaten war, ganz egal was jemand sagte.«
– Aus der Erzählung »Außenseiter«

Seine eigenen Schwächen und seine eigenen Grenzen zu entdecken.

»Und dann wurde mir klar, dass sie mich endlich wahrgenommen hatte, mich, mich, ihre Freundin, die bisher nur ihr Fußabtreter war. Ihre prollige Freundin. Die zu nah neben ihr ging, die nicht wusste, was Crossroads oder Sonic Youth war. Ich hatte endlich Eindruck bei ihr hinterlassen. Einen schlimmen, aber immerhin einen Eindruck.
Das war, bevor ich wusste, dass wir unser Leben auf diesem Planeten verbringen, indem wir im Auto unseres eigenen kleinen Verstandes herumkurven, in unserer in sich geschlossenen Welt. Ja, das war, bevor ich das wusste, als ich noch dachte, dass ich irgendwie auch wichtig wäre, als ich dachte, dass die Leute mich sehen, tief in mich hineinsehen, all meine Liebe und Lebensfreude sehen, das funkelnde Überschäumen meiner Lebendigkeit.«
– Aus der Erzählung »Pussies«

Und bei allen Widrigkeiten, Schwierigkeiten, scheinbaren Sackgassen den eigenen Weg zu finden. Auch in unmöglichen oder möglichen Verbindungen mit anderen Frauen.

»Die beiden Mädchen sitzen da, sehen einander an oder schauen zur Seite, es ist angenehm, so oder so, sie sitzen ganz eng beieinander und rauchen.«
– Aus der Erzählung »Madeleine«

Der Überzug des Buches unterstreicht die Thematik des Buches: Rosa Leinen, allerdings mit einem metallisch-schimmernden Glanz, rau, irritierend, beunruhigend. Und der Blick auf die Beine ist der Blick einer jungen Frau auf den eigenen Körper, auf die eigene Lust.

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