Nordwest-Zeitung: Über Caroline Günther und den Open House Verlag

Regina Jerichow in ihrem Artikel
»Von Anfang bis Ende nur ein Satz. Debütroman von Caroline Günther – Formales Experiment in Kreisform«,
heute in der Nordwest-Zeitung:

Über die Bedeutung des ersten Satzes (und die Schwierigkeit, ihn zu formulieren) wurden schon Bücher verfasst. Heerscharen von Germanisten haben sich mit den ersten Sätzen von Klassikern der Literatur beschäftigt. Mit dem Roman der Freiburger Autorin Caroline Günther dürften sie aber Probleme bekommen, denn das Buch besteht komplett aus einem einzigen Satz – ohne Punkt, nur durch Kommas strukturiert. Was zugleich bedeutet, dass das Buch nach der letzten Seite und dem letzten Komma theoretisch wieder von vorne beginnt.

Diese Kreisform ist beim Debütroman der 31-Jährigen in jeder Hinsicht Programm. Sie hat sich nicht nur bei der Zeichensetzung beschränkt, es gibt auch keine Seitenzahlen. Stattdessen nur Gradangaben und ein offener Kreis oben am Seitenrand, dessen Öffnung sich immer weiter verschiebt, bis er am Ende seine Ausgangslage erreicht hat. …

… Zwar hat sich die Ringbuch-Idee aus Kostengründen zerschlagen, aber dafür sind alle Seiten mit einer gestrichelten Linie versehen, die es erlaubt, Seiten herauszutrennen und das Buch nach Gutdünken neu zusammenzusetzen. Dazu wird der Leser sogar aufgefordert, sofern er die Lektüre zum Basteln unterbrechen oder selbst etwas ergänzen möchte. Alles ist erlaubt.

Problemlos möglich wäre es zumindest, denn eine Handlung mit klar erkennbarem rotem Faden existiert nicht. Der Leser, der jederzeit einsteigen kann, verfolgt vielmehr den wilden, oft anklägerischen Bewusstseinsstrom eines Ichs mit verschiedenen, sowohl weiblichen als auch männlichen Perspektiven, unterbrochen nur von poetischen Rap-Passagen. Was komplex und kompliziert klingt, beim Lesen aber einen verblüffenden Sog entwickelt, sofern man die Herausforderung annimmt und sich darauf einlässt. …

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