Thomas Pynchon – Bleeding Edge

Es ist schon eine Weile her, seitdem in unserem Blog auch Bücher aus anderen Verlagen empfohlen wurden. Eine kleine Liste unserer Empfehlungen gibt es auf dieser Seite (rechts unten).

Heute stellen wir einen ganz Großen vor: Thomas Pynchon, mit seinem neuen Roman »Bleeding Edge«.
Die Besprechung kommt von unserer Mitarbeiterin Franziska Mayer.

 

Thomas Pynchon – Bleeding Edge

Inhalt

Frühling 2001, New York. Maxine Tarnow arbeitet als freiberufliche Steuerfahnderin. Von einem ihrer Klienten, Reg, wird sie auf seltsame Vorgänge in der Computerfirma hashlingrz aufmerksam gemacht. Deren Geschäftsführer Gabriel Ice macht seinem Nachnamen alle Ehre.
Bei ihren Untersuchungen findet sie heraus, dass Geld von der Firma durch Investitionen in Start-Ups auf ein Konto in Dubai geleitet wird. Ices neuestes Projekt: Der Kauf des Quellcodes von DeepArcher, der Nutzern die Möglichkeit bietet, ihre Spuren im Netz vollständig verschwinden zu lassen. Neben Maxine und Reg beginnen bald auch andere Leute, sich mit den Vorgängen bei hashlingrz zu beschäftigen; unter ihnen ein Geheimagent namens Windust, eine Skandalbloggerin und die russische Mafia.
Vor dem Hintergrund des 11. September 2001 diskutiert Thomas Pynchon nicht nur lang anhaltende Paranoia aus den Zeiten des Kalten Krieges, sondern auch die neuen Gefahren von Internet und internationalen Terrorismus.

Rezension

Thomas Pynchons Name ist ein Dauerbrenner, wenn es um Vorschläge für den Literatur-Nobelpreis geht. Dass er ihn annehmen würde, ist allerdings sehr fraglich. Obwohl er in New York leben soll, schafft es Pynchon, ein Einsiedlerdasein allererster Güte zu leben. Neugierigen Lesern, die auf mehr »Persönliches« vom Autor hoffen, bleibt nichts als ein paar verpixelte Fotos.

»Es ist der erste Frühlingstag des Jahres 2001, und Maxine Tarnow, in manchen Systemen noch als Loeffler gespeichert, bringt ihre Jungen zur Schule.« (S. 7)

Man merkt dem Roman »Bleeding Edge« sofort an, dass Pynchon selbst in New York lebt. Die Stadt dient nicht nur als Kulisse, sondern auch als Sinnbild der rasenden Entwicklungen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wo früher Cafés und leichtbekleidete Mädchen am Times Square warteten oder Künstler in Bruchboden wohnten, stehen heute Bauten aus Stahl, Beton und Glas für das große Geld: Fast-Food-Ketten, riesige Kinos und Studios, teuerste Restaurants. Maxine registriert sehr genau diesen Wandel und das Platzen der großen Dotcom-Blase, das die Veränderungen zwar für eine Weile bremst, aber keineswegs aufhält.

Pynchon spickt seinen Text wieder einmal mit Anspielungen aus der Popkultur. Während Maxines Kinder Pokémon und Dragon Ball schauen, streift sie durch die weite Welt des Internets, das für die große Öffentlichkeit immer noch ein Wunderland ist. Wie Alice entdeckt auch Maxine fasziniert die virtuellen Welten von DeepArcher, einer Online-Simulation des »Deep Web«: dem Teil des Internets, das dem normalen Nutzer sonst verborgen bleibt. Eingebaut in die Quellcodes ist eine Möglichkeit, die dem Nutzer erlaubt, sämtliche Spuren zu verwischen.

Das entspricht genau dem Geschmack von Gabriel Ice, dem Vorstand der Firma hashlingrz. Dass seine Firma das große Internetfiasko nur mit Hilfe einer schützenden mächtigen Hand überstanden hat, ist Maxine sofort klar. Als ihr Freund Reg sie auf seltsame Geldvorgänge aufmerksam macht, die irgendwo in Dubai auf das Konto arabischer Freundschaftsverbände fließen, ist ihr Detektivinstinkt geweckt.

»Bleeding Edge« ist kein Agatha-Christie-Krimi, sondern eine moderne Version des Detektivromans. Maxine hat die heute literarisch kaum wegzudenkenden Privatprobleme einer Ermittlerin: Klienten, mit denen sie Affären eingeht, ein eifersüchtiger Ex-Ehemann und ein pseudo-buddhistischer Lebensberater geben sich die Klinke in die Hand. Nebenbei streift sie durch New York, die Waffe in der Handtasche griffbereit und immer einen bissigen Kommentar auf den Lippen.

Auch für seinen neuen Roman hat Pynchon wieder eine Reihe absolut unverwechselbarer Charaktere entworfen. Die helfen vielleicht nicht bei der Lösung des Falls, verleihen dem Roman aber Tiefe und Vitalität. Neben Computer-Nerds und russischen Mafia-Zwillingen, lernt Maxine auch den Duftexperten Conkling Speedwell kennen, der besessen von Hitlers Parfüm ist.

»Wie sich herausstellt, ist Conkling freiberuflicher Riecher, denn er besitzt von Geburt an einen weit feineren Geruchssinn als normale Sterbliche. Es ist vorgekommen, dass er einer faszinierenden Duftspur Dutzende Blocks weit gefolgt ist, um dann festzustellen, dass sie von einer Zahnarztgattin aus Valley Stream stammt.« (S. 257)

»Bleeding Edge« ist ein ›historischer‹ Roman, der uns die Zeit vor dem großen Internetboom und der ständigen Gefahr des internationalen Terrorismus vor Augen führt und zeigt, wie schnell sich unsere friedliche Welt in Chaos verwandeln kann. Auch wenn sich die Handlung um den 11. September dreht, sind die Geschehnisse doch auf so abgeklärte Weise erzählt, dass klar wird: Die Anschläge sind nur ein Kulminationspunkt anderer, versteckt liegender Vorgänge.

»Heutzutage denken alle, die Eisenhower-Jahre waren so altmodisch, harmlos und langweilig, aber das hatte seinen Preis – gleich unter der Oberfläche lauerte der reine Terror. … Ja, und das Internet war ihre Erfindung, dieses Zauberding, das wie ein Geruch noch in die letzten Winkel unseres Lebens dringt, das Einkaufen, die Hausarbeit, die Hausaufgaben und die Steuererklärung erledigt, unsere Energie verbraucht und unsere kostbare Zeit frisst. Und darum gibt es da keine Unschuld. Nirgends. Hat es nie gegeben. Das Internet ist aus Sünde geboren, aus der schlimmsten Sünde, die es gibt. Und während es gewachsen ist, hat es nie aufgehört, diesen bitterkalten Todeswunsch für den Planeten im Herzen zu tragen, und glaub bloß nicht, dass sich daran irgendwas geändert hat.« (S. 533)

Dass der Roman viele Fragen offen lässt, besser erst eröffnet, ist ein typisches Qualitätsmerkmal von Pynchons Schreiben. Ein Happy End wäre auch eine zu einfache Auflösung für die zahlreichen Seitenstränge. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk – neben der quecksilbrigen, immer noch unglaublich lebendigen Sprache – auf einer verwickelten Handlung mit zahlreichen dead end streets und Nebenschauplätzen, die das Buch so faszinierend und zugleich schwer entzifferbar machen wie New York selbst.

Fazit

Nach Jahren der Pause veröffentlicht Pynchon mit »Bleeding Edge« einen Roman, der von einer der größten menschlichen Katastrophen der 2000er Jahre handelt. Wie immer hat er eine große Anzahl individueller Charaktere geschaffen, die den Leser mit dem ganz eigenen Humor des Autors durch die verwinkelten Züge der Handlung führen. Wer sonst käme auf die Idee, gleich eine ganze Reihe absurder Filmbiographien zu erfinden, die Titel tragen wie: »Edward Norton in der ›Anton Chekov Story‹«.

Trotz allem ist »Bleeding Edge« ein anspruchsvolles Lesevergnügen, dass Neu-Leser Pynchons schon auf den ersten Seiten verschrecken könnte. Als Einstieg in Pynchons Werk eignet sich deswegen vielleicht am besten »Die Versteigerung von No. 49«, sein kürzester und konzentriertester Roman. Für alle anderen ist »Bleeding Edge« wieder ein großartiger Trip ins Pynchonische Universum.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.
Reinbek b. Hamburg 2014. Hardcover, 605 S., 29,95 Euro (D)


 

Franziska betreibt übrigens auch einen eigenen Blog, in dem sie Bücher, Filme und Fernsehserien bespricht.

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