Werft einen Blick in »Neun Monate«

Ihr könnt den Erscheinungstermin des neuen Romans »Neun Monate« von Paula Bomer kaum erwarten?

Bis es morgen endlich so weit ist, versorgen wir euch noch mit einer Leseprobe: Sonia sucht nach einem geeigneten Vorbild für sich. Die Künstlerin Frida Kahlo, die Dichterin Sylvia Plath? Eine Musikerin? Oder doch lieber Egon Schiele?
Viel Spaß bei der Lektüre!

 

Wer könnte ihr als Vorbild dienen? Als junge, kinderlose Frau gegen die Welt zu rebellieren, war das eine. Das Tattoo auf ihrem Arsch. Das wahllose Rumvögeln. Mit fünfzehn die Sicherheitsnadeln in ihren Ohren. Die ständige Gereiztheit, der Stinkefinger bei der leichtesten Provokation. Die Anti-Cheerleader-Nummer, der Gegenentwurf zum braven Mädchen.

Natürlich hat sie auch Ehrgeiz. Aber wer könnte ihr Vorbild sein, als Mutter und Mensch, als Künstlerin in dieser Welt? Georgia O’Keefe? Kinderlos. Frida Kahlo? Kinderlos. Mary Cassatt? Na ja, nicht ihr Fall. Das Werk von Frauen mit Gouvernanten und Au-Pairs, das Werk von Frauen, die einer bestimmten Klasse angehörten, die sich nicht täglich um ihre Kinder kümmern mussten. Die konnten Kinder kriegen, jemanden einstellen, der sich Tag und Nacht um sie kümmerte, und gingen trotzdem als gute Mütter durch. Vielleicht ist Sonia einfach nur zu spät geboren. Doch da kommt Cassatts ganzes Pink ins Spiel. All die verweichlichten Pinselstriche, die ganze reine Liebe. Echte Liebe ist nie rein. Vanessa Bell? Tja, vielleicht, wenn sie auch so bedeutend wäre wie ihre kinderlose Schwester. Nein, selbst dann nicht. Sue Coe? Zu direkt, und wer weiß, ob die Kinder hat?

Egon Schiele wäre sie gerne. Sie wäre gerne ein Mann. Sie wollte immer ihr Lehrer Philbert Rush sein, nicht nur mit ihm ficken, aber nur das war möglich. Aus irgendeinem Grund möchte sie als Künstler ein Mann sein. Mit ihrer Kunst nicht immer nur Güte und Mütterlichkeit repräsentieren, sie hat mehr zu bieten, und außerdem, wie oft geht beides schon Hand in Hand?

Und die Dichterinnen? Adrienne Rich? Wütende lesbische Dichterin, deren Kinder Gott-weiß-was von ihr gehalten haben müssen? Ja, stimmt schon, ein eigenes Leben zu haben bedeutet, seine Kinder zu quälen. Selbst die kleinen Punkmusikerinnen mit ihren provozierend pinkfarbenen Haaren, die Drogen einwerfen und ohne Kondom ficken, wollen doch auch bloß von ihrer Mami mit Kohle vollgestopft werden, wollen doch auch bloß von Mami gehegt werden und, am allerwichtigsten, werfen ihren Mamis bis heute vor, sie nicht ausreichend geliebt zu haben, oder nicht richtig. Und wahrscheinlich stimmt das sogar. Mütter verkorksen ihre Kinder. Die harten Jungs, die düsteren Jungs, die Künstlertypen, die radikalen Jungs, die Radiohead und Heavy Metal hören, fuck, die würden sich von ihren Müttern doch immer noch die Scheiße vom Arsch wischen lassen, wenn sie könnten, sich vorbeugen und ihr den ungeputzten Hintern entgegenstrecken, schutzlos und bedürftig. Jeder will doch nur mit einem Lächeln warmes Essen serviert kriegen. Jeder will nachts in einem dunklen Zimmer in ein warmes Bett schlüpfen und mit frischen Laken zugedeckt werden. Jeder will und will, niemand sagt: »Es reicht! Ich möchte nicht mehr liebevoll behandelt werden, keine Zuneigung mehr, hört auf, euch um mich zu kümmern!« Verdammte Scheiße, entweder suchst du dir eine depressive New-Age-Tante, die dir Gurkenscheiben ins Gesicht legt, und wenn das nicht reicht, dann eben was anderes. Unsere Bedürfnisse sind endlos.

Vorbilder unter den Dichterinnen? Sylvia Plath. Anne Sexton. Durchgeknallte dämliche Zicken, die ihre Kinder komplett versaut haben. Aber hey, die hatten ja auch einen psychischen Hau! Kein Mensch würde sich auch nur ein bisschen für ihre Kunst interessieren, wenn sie sich nicht umgebracht hätten. Was aber, wenn du am Leben hängst? Wenn du dich nicht umbringen willst? Was, wenn du stattdessen lieber sie umbringen würdest? Oder einfach gar niemanden, denn mal ehrlich, Sonia ist nicht durchgeknallt. Sie will einfach nur alles auf einmal.

Und wer will schon wirklich, ganz ehrlich, wie seine eigene Mutter werden? Eine Mutter haben will jeder, aber wie seine eigene Mutter sein? Nein, aus ihren Fehlern sollen wir lernen. Kinder kriegen und auf das Leben verzichten? Nähen lernen? Nein, danke. Firmenanwältin werden, mit fünfundvierzig ein Kind adoptieren und dann verdammt nochmal zu alt zu sein, um sich um das arme Ding zu kümmern? Nein, danke.

Und dann sind da noch die kinderlosen Frauen, die Sonia auch verabscheut. Die weinerlichen, egozentrischen Tussen, die ewig Kinder bleiben. Und, verdammt, bei allem immer noch ihren Müttern die Schuld geben. Die von nichts eine Ahnung haben. Virginia Woolf kann man nicht lesen, ohne in jeder Zeile über ihren ewige-Jungfrau-Status zu stolpern. Innerer Dialog? Klingt super, solange du kein Kind hast, was dich dankenswerterweise an dieser Ichbezogenheit hindert. Da liest Sonia ja noch lieber das schlechteste Buch der mehrfach geschiedenen Jane Smiley mit ihren vier Kindern. Die weiß wenigstens, wovon sie schreibt. Die muss wenigstens nicht so tun, als ob Kunst nichts mit dem Leben zu tun hätte. Musikerinnen? Stevie Nicks, Aimee Mann. Über vierzig, aber immer noch auf der Mädchen/Frau-Schiene unterwegs. Warum auch nicht?

Weil Frauen keine Mädchen sind. Ihre Gesichtshaut wird schlaffer. Ihre Titten fangen an zu hängen. Und es lässt sich auch nicht ewig alles aufs Frausein schieben. Das ist ihnen längst bewusst, sie haben ja auch schon alles durch. Genau das wollte Sonia. Und hat es bekommen. Ihr war nur nicht klar, wie schwer das werden würde. Ihr ganzes Leben lang, ihre ganzen fünfunddreißig Jahre lang wollte sie einfach nur alle Erfahrungen mitnehmen, na gut, Heroinabhängigkeit vielleicht nicht. Nur wen machst du hinterher für die Scheiße verantwortlich, in die du dich geritten hast?

Und wer sagt überhaupt, dass sie unbedingt malen muss? Was, wenn es vielleicht doch leichter ist, Hausfrau zu bleiben? Es nicht mal zu versuchen? Nicht rauszufinden, ob sie so gut ist, wie sie angeblich vor Ewigkeiten mal war? Was, wenn sie gar nicht wissen will, ob sie noch malen kann? Grandma Moses? So zu werden hat sie nicht vor. Aber was hat sie vor? Hat sie … Angst? Angst, dass sie all das nicht ist?

Stimmt schon, als kleines Mädchen, mit fünf, sechs, sieben, wollte Sonia ein Junge sein. Keiner brüllte sie wütend an, wenn sie über die Möbel kletterten. Von denen erwartete man das. Es waren ja Jungs. Wenn sie andere schlugen, war das nicht in Ordnung, aber, hey, was soll man da machen, es sind Jungs. Wenn ein fünfjähriger Junge in ein Zimmer kam, beanspruchte er mehr Aufmerksamkeit, mehr Freiheit und mehr verdammten Sauerstoff als Sonia im selben Alter. Und das wusste sie damals schon. Erst später, na ja, später hatte sie beschlossen, dass es Spaß machte, eine Frau zu sein. Dass weiblich zu sein nicht heißen musste, zur Passivität verdammt zu sein. Diese Erkenntnis verdankte sie Katrina Nelson. Und der Frauenbewegung der Sechziger und Siebziger. Das verdankte sie vielen Menschen und Dingen, aber hauptsächlich wirklich Katrina, der Freundin, die ihr Leben verändert hatte, der Freundin, die sie in ihrer Zeit als Kellnerin kennengelernt hatte, eine neunzehnjährige Schulabbrecherin aus Kalamazoo, Michigan, die ihr Leben veränderte, als sie sich in Boston kennenlernten. Vielleicht gibt es keine Vorbilder. Vielleicht gibt es nur Menschen, und manche davon sind eindrucksvoller als andere.

Das Letzte, was sie von Katrina hörte, ist, dass sie geheiratet und ein Baby bekommen hat und immer noch in der Nähe von Boston wohnt. Vielleicht sollte Sonia sie besuchen.

Sonia wird dieses Kind kriegen.
Die Entscheidung ist gefallen.

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