E.T.A. Hoffmann

DER SANDMANN
Erzählungen
Mit Ausschnitten aus »Das Unheimliche« von Sigmund Freud

NEU!
Bd. 2 der neuen Klassiker-Reihe BACKUP
Hardcover. 192 Seiten. Hardcover, Leinen, farbiges Vorsatzpapier, Lesebändchen
22,00 Euro (D), 22,60 Euro (A)
ISBN: 978-3-944122-38-0

Erscheint Februar 2019


E.T.A. Hoffmann (1776 geboren in Königsberg/Pr., gestorben 1822 in Berlin) war Schriftsteller, Jurist, Kapellmeister und Komponist. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Erzählungen der Fantasiestücke (1814 u. 1815), Nachtstücke (1816/1817) und Serapionsbrüder (1819–1821) sowie die Romane Die Elixiere des Teufels (1815 u. 1816), Lebensansichten des Katers Murr (1819 u. 1821) und Meister Floh (1822).


Fatale Familien- und Liebesgeschichte, gruselige und zugleich witzige Parabel über technische Apparate und künstliche Menschen als Verlängerung und Objekt menschlicher Sehnsüchte, Gesellschaftssatire, das Ringen zwischen Wahnsinn und Vernunft – erzählt mit feurigem Tempo und in verschiedenen Perspektiven, die eine Klärung der Geschichte nicht zur Ruhe kommen lassen und zum »Unheimlichen« dieses »Nachtstücks« beitragen – Hoffmanns Sandmann aus dem Jahr 1816 kann zu Recht als Konzentrat der »Schwarzen Romantik« gelten.

Ergänzt wird Der Sandmann in diesem Band von der atemberaubenden Erzählung Das Fräulein von Scuderi (1819), der ersten Detektivgeschichte überhaupt, in der es um zwanghafte Verbrechen, Schönheit und Künstlertum geht. Die beiden Geschichten mit ihrem faszinierenden Reichtum an romantischen Motiven und Erzähltechniken machen dieses Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis.
Sigmund Freuds Abhandlung »Das Unheimliche« offenbart im Anhang den verblüffenden psychologischen Gehalt der Hoffmannschen Erzählungen.

Dieser Band eröffnet zusammen mit den Geschichten, die keine sind von Robert Musil unsere neue BACKUP-Reihe, die Klassiker in moderner Gestaltung präsentiert. Mit sandfarbenem Leinen, Hardcover, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen. Mit Anmerkungen, kurzem Nachwort und einem Hintergrundtext, der Zusammenhänge und Besonderheiten des Textes verdeutlicht.


LESEPROBE:
Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, dass ja niemand anders, als er, der Sandmann sein könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt – Nein! – ein hässlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er einschreitet, Jammer – Not – zeitliches, ewiges Verderben bringt.
Ich war festgezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. »Auf! – zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnarrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, dass das, was ich solange dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Geräte stand umher. Ach Gott! – wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein grässlicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte. Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfasst und stürzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, »kleine Bestie! – kleine Bestie!« meckerte er zähnefletschend! – riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann: »Nun haben wir Augen – Augen – ein schön Paar Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief: »Meister! Meister! lass meinem Nathanael die Augen – lass sie ihm!« Coppelius lachte gellend auf und rief: »Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »’s steht doch überall nicht recht! ’s gut so wie es war! – Der Alte hat’s verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein – ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!« – So sprach die Mutter und küsste und herzte den wiedergewonnenen Liebling.