Robert Musil

GESCHICHTEN, DIE KEINE SIND
Erzählungen
Mit Ausschnitten aus der »Analyse der Empfindungen« von Ernst Mach

NEU!
Bd. 1 der neuen Klassiker-Reihe BACKUP
Hardcover. 208 Seiten. Hardcover, Leinen, farbiges Vorsatzpapier, Lesebändchen
22,00 Euro (D), 22,60 Euro (A)
ISBN: 978-3-944122-37-3

Erscheint Februar 2019


Robert Musil (1880 geboren in Klagenfurt, gestorben 1942 in Genf) wurde mit seinen Romanen Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) und Der Mann ohne Eigenschaften (1930/1932/1943) berühmt. Musil verfasste außerdem Erzählungen, Dramen und Essays.


Alle, oder zumindest viele, kennen Musils berühmten Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Doch wenige kennen seine kurzen Erzählungen, die er Ende 1935 in dem Band Nachlass zu Lebzeiten zusammenfasste. Und noch weniger kennen darunter die ganz leicht daherkommenden »Geschichten, die keine sind«. Musil behandelt in diesen heiteren Kurztexten damals wie heute zentrale und gegenwärtig wieder besonders brisante Themen – so leicht wie meisterhaft: Was heißt Identität? Wie werden wir zu dem, was wir zu sein glauben? Und wie kommen wir zu etwas wie unserem Charakter?

Die »Geschichten, die keine sind« bieten zusammen mit der langen Erzählung »Die Amsel« und einem Ausschnitt aus den für Musils Denken prägenden Überlegungen von Ernst Mach zu Identität und Ich-Philosophie einen idealen Einstieg in das Werk eines der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Dieser Band eröffnet zusammen mit dem Sandmann von E.T.A. Hoffmann unsere neue BACKUP-Reihe, die Klassiker in moderner Gestaltung präsentiert. Mit Anmerkungen, kurzem Nachwort und einem Hintergrundtext, der Zusammenhänge und Besonderheiten des Textes verdeutlicht.


LESEPROBE:
Als ich ihn wiedersah, besaß er ein Auto, jene Frau, die nun sein Schatten war, und eine angesehene, einflussreiche Stellung. Wie er das angefangen hatte, weiß ich nicht; aber was ich vermute, ist, dass das ganze Geheimnis darin lag, dass er dick wurde. Sein eingeschüchtertes, bewegliches Gesicht war fort. Genauer gesehen, es war noch da, aber es lag unter einer dicken Hülle von Fleisch. Seine Augen, die einst, wenn er etwas angestellt hatte, so rührend sein konnten wie die eines traurigen Äffchens, hatten eigentlich ihren aus dem Innern kommenden Glanz nicht verloren; aber zwischen den hoch gepolsterten Wangen hatten sie jedesmal Mühe, wenn sie sich nach der Seite drehen wollten, und stierten darum mit einem hochmütig gequälten Ausdruck. Seine Bewegungen fuhren innerlich immer noch umher, aber außen, an den Beugen und Gelenken der Glieder, wurden sie von stoßdämpfenden Fettpolstern aufgefangen, und was herauskam, sah wie Kurzangebundenheit und entschlossene Sprache aus. So war nun auch der Mensch geworden. Sein irrlichternder Geist hatte feste Wände und dicke Überzeugungen bekommen. Manchmal blitzte noch etwas in ihm auf; aber es verbreitete keine Helligkeit mehr in dem Menschen, sondern war ein Schuss, den er abgab, um zu imponieren oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Er hatte eigentlich viel gegen früher verloren. Von allem, was er äußerte, ging jetzt zwölf auf ein Dutzend, wenn das auch ein Dutzend guter, verlässlicher Ware war. Und seine Vergangenheit behandelte er so, wie man sich an eine Jugendtorheit erinnert.

Einmal gelang es mir, ihn auf unseren alten Gesprächsgegenstand, den Charakter, zurückzubringen. »Ich bin überzeugt, dass die Entwicklung des Charakters mit der Kriegsführung zusammenhängt«, legte er mir in atemknapper Sprache dar »und dass er darum heute auf der ganzen Welt nur noch unter Halbwilden zu finden ist. Denn wer mit Messer und Speer kämpft, muss ihn haben, um nicht den kürzeren zu ziehen. Welcher noch so entschlossene Charakter hält aber gegen Panzerwagen, Flammenwerfer und Giftwolken stand!? Was wir darum heute brauchen, sind nicht Charaktere, sondern Disziplin!«

Ich hatte ihm nicht widersprochen. Aber das Sonderbare war, – und darum erlaube ich mir auch, diese Erinnerung niederzuschreiben – dass ich, während er so sprach und ich ihn ansah, immerdar das Empfinden hatte, der alte Mensch sei noch in ihm. Er stand in ihm, von der fleischigen größeren Wiederholung der ursprünglichen Gestalt eingeschlossen. Sein Blick stach im Blick des andern, sein Wort im Wort. Es war fast unheimlich. Ich habe ihn inzwischen noch einigemal wiedergesehen, und dieser Eindruck hat sich jedesmal wiederholt. Es war deutlich zu sehen, dass er, wenn ich so sagen darf, gerne einmal wieder ganz ans Fenster gekommen wäre; aber irgendetwas verhinderte ihn daran.